Kurzgeschichte: Ein Stück Pappe

Im Gehen beschriftet sie noch ein Stück Pappe und gibt es dem Jungen neben ihr, der es an ein 4-Kantholz klebt und es in die Menge reicht. Die Trillerpfeifen und Rufe werden immer lauter. Es ist mühsam für sie, denn sie weiß, dass viele nicht zuhören; die Politiker, die Industrie, die die Änderungen wirklich umsetzen können. Trotzdem steigt die Motivation von Woche zu Woche, denn es werden mehr. Sie spürt es gerade, weil es in der schmalen Gasse, kurz bevor man den Rathausplatz betritt, immer enger wird und der Zug länger wird. Es dauert bis alle am Rathausplatz eingetroffen sind. Vor ein paar Wochen konnte sie dem hintersten noch etwas zurufen, heute kann sie das Ende nicht mal mehr sehen. Der Rathausplatz ist wie immer der Endpunkt.
„Wir sind doch so laut und uns wird immer gesagt, dass wir die Zukunft sind, aber warum hört keiner auf uns? Hat die Zukunft kein Mitspracherecht?“ So beginnt sie ihre kurze Rede auf der provisorischen Bühne zwischen den Straßenlaternen direkt neben der Platane an der Kirche. Den lauten Applaus zum Abschluss nimmt sie nur dumpf war, als wäre sie Unterwasser. Ihre Konzentration liegt bei den Menschen am Rand des Geschehens. Die, die ihren Einkäufen nach gehen oder einfach mal hören wollen, warum jede Woche ein Meer aus neuen Stimmen die Stadt beschallt. Sie hören nicht zu. Sie geht zu ihren Freunden „lasst uns die Zeit nutzen“ und mit den Außenstehenden reden, vielleicht hören sie uns dann zu. Sie informiert, sie bittet um wahres Gehör.
Auf dem Weg zum nächsten älteren Herrn bekommt sie ein Whatsapp-Nachricht mit einem Livestream-Link, wo wichtige Politiker von geplanten Ausschüssen und Kompromisslösungen schwafeln. Man kennt es, alles muss abgewogen werden und auf Umsetzung geprüft werden. In einer kapitalistischen Finanzwelt ist es, wie in der Chaos-Theorie aus Jurassic Park, „das Leben findet seinen Weg“, so ist es auch mit der Industrie, sie wird ihren Weg finden, auch wenn Gesetzesänderungen zu starken Einschränkungen führen würde. Einem Umdenken steht eigentlich nichts im Wege. Doch es passiert nichts.
Heute ist es schon 1 Jahr her, als sie das letzte Mal demonstriert hat, sie ist auch nicht mehr in die Schule gegangen. Eine Pandemie ist in den Fokus geraten, ein akutes Ereignis, welches gravierende Auswirkungen für viele Betriebe hatte. Es gibt viele Verlierer, was sie traurig macht. Doch die Industrie hat ihren Weg durch die gesetzlichen Einschränkungen aufgrund der Pandemie gefunden. Eine Firma, die Systeme für den Online-Ticketverkauf für Großveranstaltungen vertreibt, was aufgrund der Pandemie komplett weggebrochen ist, beliefert jetzt Restaurants oder Schwimmbäder, die damit ihr Gästeaufkommen während der Pandemie kontrollieren können. Der Beweis: Auch große sofortige Veränderungen können von der Gesellschaft und der Industrie kompensiert werden.
Die Pandemie ist unter Kontrolle. Es ist Freitag. Sie sitzt an ihrem Schreibtisch und beschriftet ein Stück Pappe.

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